Adolf Bleichert - der Erfinder des deutschen Drahtseilbahnsystems

Titelblatt eines Prospekts der Firma Bleichert (um 1935). Privatarchiv Dr. Manfred Hötzel, Reproduktion Steffen Hippe, Leipzig
"Adolf Bleichert - dem Erfinder des deutschen Drahtseilbahnsystems" so steht es auf einer Kupfertafel am Fuß des steinernen Grabmals der Familien Bleichert und Piel auf dem südlichen Teils des Friedhofes Leipzig-Gohlis. Eine Straße unweit des ehemaligen Werksgeländes trägt diesen Namen, ebenso eine Straße im Berliner Stadtteil Tempelhof. Das ehemalige Bleichertwerk steht heute leer, die Gebäude verfallen - Unterlagen finden sich verstreut in Archiven in aller Welt, bildliche und figürliche Darstellungen sind nur noch in einigen, wenigen Exemplaren vorhanden. Es ist das Verdienst des Leipziger Historikers Dr. Manfred Hötzel, der die Geschichte eines großen sächsischen Wirtschaftspioniers erforscht und für die Nachwelt aufbewahrt - auf seinen Forschungsergebnissen basieren auch die auf dieser Seite enthaltenen Informationen. Die genauen bibliographischen Angaben zu diesen Publikationen finden sich auf der Literaturdatenbank.
Wer war Adolf Bleichert - auf diese Frage sollen - fragmentarisch einige biographische Informationen Antwort geben. Geboren wurde Hermann Adolf Bleichert am 31. Mai 1845 als zweites Kind des Gohliser Müllers August Bleichert und dessen Frau Wilhelmine Henriette Bleichert in Dessau geboren. Einen Großteil seiner Jugend wuchs Adolf Bleichert in Gohlis auf, mit ca. 19 Jahren ging er zum Studium nach Berlin, an die dortige Gewerbe-Akademie, die heutige Technische Universität Berlin. Die erste Arbeitsstelle des Absolventen war 1870 die Martinsche Maschinenfabrik in Bitterfeld - eine auf Mühlenbau spezialisierte Firma. Bereits zu dieser Zeit befasste er sich mit Drahtbahnen, 1872 war Bleichert zunächst technischer Dirigent und danach Oberingenieur bei der Halle-Leipziger Maschinenfabrik und Eisengießerei AG in Schkeuditz bei Leipzig. Er arbeitete dort zusammen mit seinem Studienfreund Theodor Otto, mit welchem er am 1. Juli 1874 ein "Ingenieurbüro für Drahtbahnen" in Schkeuditz gründete. Die praktische Arbeit der Ingenieure begann mit der Errichtung einer Drahtseilbahn für die Solaröl- und Paraffinfabrik in Teutschenthal bei Halle, einer Bahn, bei der die Fahrbetriebsmittel noch auf Rundstabschienen bewegt wurden. Den ersten Auftrag der Großindustrie erhielten die jungen Ingenieure bereits 1875 durch die Firma Krupp - die Errichtung einer Drahtseilbahn in Sayn an der Lahn. Diese Bahn wies Neuerungen wie Winkelstationen und Exzenterkupplungen auf. 1876 trennte sich Otto von Bleichert, Bleichert überlies seine Patente Otto, dieser wiederum verkaufte die Patente an Pohlig in Siegen und Otto wurde noch 1899 Aufsichtsratsmitglied der Pohlig AG Köln. Bleichert baute mit seinem Schwager, dem Kaufmann Peter Heinrich Piel, ein völlig neues Werk auf, das nun den weltweit bekannten Namen "Adolf Bleichert & Co., Fabrik für Drahtseilbahnen, Leipzig-Gohlis" trug. Hier in Leipzig-Gohlis schlug das Herz der Firma - hier wurde konstruiert und die wichtigsten Teile gefertigt. Der Markt boomte, die Konstruktion und die Herstellung von Krananlagen kam dazu, so das Bleichert komplette Verladeanlagen anbot. In nicht einmal 13 Geschäftsjahren entstanden bis 1890 schon über 600 Seilbahnen, die Gesamtzahl der von Bleichert ausgeführten Anlagen wird mit 3000 - 4000 angegeben - bei Anlagen mit mehreren Sektionen diese separat gerechnet. Das Verdienst Bleicherts lag darin, dass er jenes Transportmittel schuf und weiterentwickelte, welches den damaligen Anforderungen der großindustriellen Produktion entsprach. Der beginnenden Arbeitsteilung trug Bleichert von Beginn an Rechnung. In Leipzig wurde konstruiert und die Spezialteile gefertigt, Drahtseile, Eisenprofile für Masten usw. wurden dazugekauft oder in Niederlassungen, z.B. in Charkov gefertigt. Nicht einmal eine eigene Gießerei hatte das Hauptwerk in Leipzig. Bleichert hatte mit seiner Frau Emilie Hildegard acht Kinder, darunter die Söhne Max und Paul, die nach dem Tode des Vaters - Bleichert starb am 29. Juli 1901 während eines Kuraufenthaltes in Davos - die Leitung der Firma übernahmen. Neben der Einführung einer Vielzahl eigener technischer Ideen, welche Bleichert eine große Anzahl von Patenten einbrachte gelang es seinen Söhnen als Chefs der damals weltweit größten Seilbahnfirma, mit dem südtiroler Seilbahnpionier Luis Zuegg einen Lizenzvertrag abzuschließen, der es ihnen erlaubte, die Zueggschen Patente für ihre Seilbahnanlagen zu nutzen - das berühmte Seilbahnsystem Bleichert - Zuegg war geboren, auf welchem letztendlich alle großen Personenseilbahnen der Firma Bleichert basierten. Auf dieses Kapitel der Seilbahngeschichte wird an anderer Stelle dieser Internetpräsenz eingegangen. Max und Paul Bleichert führten die Firma zunächst erfolgreich weiter. Neben anderen Faktoren, auf die hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden kann, war es vor allem die Weltwirtschaftskrise von 1929 - 1932, deren Vorboten und deren Verlauf von der Firmenleitung völlig falsch eingeschätzt wurde. Wissen und Erfolge der Firma gingen nach 1932 in der Bleichert Transportanlagen GmbH Leipzig auf, später in der SAG Bleichert Leipzig und 1955 - 1990 letztendlich im VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig.
Eine tabellarische Zusammenstellung aller von Bleichert und seinen Söhnen errichteten Drahtseilbahnen existiert nicht - einige wenige Anlagen finden sich in der nachfolgenden Übersicht. Auf zwei dieser Anlagen sei jedoch an dieser Stelle eingegangen. Aus dem Bereich der Materialseilbahnen die "Argentinische Goldbahn aus Leipzig", der der Herausgeber der Weltseilbahngeschichte in ersten Band seines Werkes ein eigenes Kapitel widmet. Diese 34 km lange, neun Sektionen umfassende Anlage wurde komplett in Leipzig-Gohlis gefertigt und in Argentinien endgültig aufgebaut - auf einer Höhe von 1075 m bis 4603 m - Schmoll bezeichnet sie nicht ohne Grund als das "achte Weltwunder". Den Bereich der Personenseilbahnen betreffend sticht die Predigtstuhlbahn im deutschen Bad Reichenhall hervor. Diese Anlage ist die die älteste, weitgehend im Originalzustand befindliche Personenseilschwebebahn der Welt - ein ausführliches Porträt dieser Anlage findet sich ebenfalls auf dieser Internetpräsenz.
Exemplarische Auflistung einiger weniger, von der Firma Bleichert errichteter Seilbahnen:
| 1873 Materialseilbahn Teutschenthal - "erste funktionsfähige Materialseilbahn im zivilen Einsatz" |
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| 1875 erste Materialdrahtseilbahn mit Exzenterkupplung und Winkelstationen in Sayn an der Lahn für die Firma Krupp | |
| 1890 Holztransportbahn Baina-Buschta (Serbien) | |
| 1902 Drahtseilbahn Kohlezechen Grand Hornu (Belgien) | |
| 1903 Meer-Seilbahn vor Thio / Neukaledonien | |
| 1903 Argentinien, Drahtseilbahn von der Grube Famatina | |
| 1906 Drahtseilbahn der Alsenschen Portland-Zementfabriken Hamburg | |
| 1913 Zweite Kohlernbahn - die erste Personenseilschwebahn Österreichs | |
| 1913 Kabelkrananlagen zum Bau der Breslauer Festhalle | |
| 1915 I. Weltkrieg: Fertigung von über 630 Feldseilbahneinheiten; Fertigung von Mörsern und Granatproduktion | |
| 1924 Umbau der von ATG errichteten Fichtelbergschwebebahn - die erste Personenseilschwebebahn Deutschlands | |
| 1926 Kreuzeckbahn Garmisch-Partenkirchen | |
| 1926 Raxseilbahn Hirschwang - erste Luftseilbahn der Republik Österreich | |
| 1926 Erste Österreichische Zugspitzbahn Ehrwald | |
| 1927 Luftseilbahn Engelberg - Trübsee - älteste, auf der gleichen Trasse verkehrende Luftseilbahn der Schweiz | |
| 1927 Schmittenhöhebahn Zell am See | |
| 1928 Predigtstuhlbahn - älteste, weitgehend im Originalzustand verkehrende Seilschwebebahn der Welt | |
| 1929 Seilbahn zum Tafelberg in Südafrika | |
| 1929 Burgbergseilbahn Bad Harzburg | |
| 1930 Seilbahn Montserrat | |
| 1935 Säntisbahn |
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Bild 1: Bildnis Adolf Bleichert (vor 1900). Bild 2: Büste Adolf Bleicherts von Adolf Lehnert, Bronze 1911. Bilder 3 und 4: Grab auf dem Friedhof Leipzig-Gohlis. Bild 5: ehemaliges Fenster der Friedenskirche Leipzig-Gohlis mit Adolf Bleichert und seiner Familie, zerstört bei den Luftangriffen auf Leipzig 1945. Bild 6: Stammwerk der Drahtseilbahnfabrik Adolf Bleichert & Co. im Jahre 1906. Bild 7: Innenansicht der Montagehalle. Bild 8: Innenansicht der Montagehalle mit einer Seilbahnkabine (vermutlich Wagen der Kohlernbahn). Bilder 9 - 12: Zweite Kohlernbahn. Bild 13: Antrieb der Kohlernbahn. Bild 14: Spannstation einer Feldseilbahn - Versuchsanlage vor dem Bahnhof Leipzig-Gohlis. 2. von rechts: Max Bleichert. Bild 15: Raxseilbahn Hirschwang. Bild 16: Antrieb der Raxseilbahn. Bild 17: Winkelstation der argentinischen Golderzbahn. Bild 18: Drahtseilbahn zum Holztransport Baina-Buschta (Serbien). Bild 19: Drahtseilbahn Kohlezechen Grand Hornu (Belgien). Bild 20: Kabelkrane zum Bau der Breslauer Festhalle 1913. Bild 21: Meer-Seilbahn vor Thio / Neukaledonien (um 1903). Bild 22: Drahtseilbahn der Alsenschen Portland-Zementfabriken Hamburg. Bild 23: Sonderbrief zum Jubiläum der Österreichischen Zugspitzbahn. Bild 24: Sonderbrief mit Sonderstempel der Feuerkogelseilbahn Ebensee. Bilder 26 - 28: Werbeprospekte der Firma Bleichert aus verschiedenen Epochen, entnommen dem Traditionskalender 2008. Bild 29 - 30: Erste Tiroler Zugspitzbahn. Bild 31 - 32: Wank-Pendelbahn. Bild 33 - 34: Kreuzeck-Pendelbahn. Bild 35: Talstation der Predigstuhlbahn. Bild 36: Ankunft der beiden Kabinen der Predigststuhlbahn. Bild 37 und 38: Plakate der Predigststuhlbahn. Bild 39 - 42: die noch heute in Aktion befindliche Originaltechnik der Predigtstuhlbahn. Bild 43 - 45: die historische Burgbergseilbahn Bad Harzburg.
4000 Seilbahnen aus sächsischer Hand - die Ausstellung zu Adolf Bleichert & Co.
Vom 18. April 2008 - 2. November 2008 fand in der Bergstation der Bergschwebebahn Dresden die Ausstellung 4000 Seilbahnen aus sächsischer Hand - Adolf Bleichert & Co. statt. Zusammengestellt wurde die Exposition von der Gruppe Bergbahnen der DVB AG unter Federführung ihres 1. stellvertretenden Betriebsleiters C. Lauterbach mit Unterstützung des Leipziger Historikers Dr. M. Hötzel, dem Förderverein "Heinrich-Budde-Haus" Leipzig und dem Bürgerverein Leipzig Gohlis e.V. Exponate steuerten unter anderen die Predigtstuhlbahn Bad Reichenhall, die Burgbergseilbahn Bad Harzburg sowie die Bayerische Zugspitzbahn bei. Eröffnet wurde die Ausstellung durch Herrn Hans-Jürgen Crede, Vorstand Betrieb und Personal der DVB AG sowie Dr. M. Hötzel. Aus der Vielfalt der ausgestellten Exponate ragten die Originalkabine der Burgbergseilbahn Bad Harzburg, originale Konstruktionszeichnungen, u. a. von der Kreuzeck-Pendelbahn, sowie persönliche Gegenstände von ehemaligen Belegschaftsmitgliedern hervor, so eine goldene Uhr anlässlich des 25-jährigen Dienstjubiläums. Eine Dokumentation verschaffte Einblick in das private Leben der Familie Bleichert. In ihr ist jene Urkunde enthalten, in der der letzte sächsische König 1918 Max und Paul von Bleichert für deren Verdienste beim Bau von Feldseilbahnen zum Transport von Munition, Proviant und Verwundeten den erblichen sächsischen Adel verlieh. Ein Film zeigte zum Teil bisher unveröffentlichtes historisches Filmmaterial aus dem Sächsischen Staatsarchiv Dresden, so zum Beispiel den Betrieb einer Winkelstütze einer Lorenseilbahn und den Seilzug der Luftseilbahn Gerschnialp - Trübsee, der ältesten, noch heute auf der gleichen Trasse verkehrenden Luftseilbahn der Schweiz.
2009 wurde die Exposition in Bleicherts Heimatstadt Leipzig gezeigt, zum Jahreswechsel 2009 / 2010 in der Grube Rammelsberg Goslar / Harz.
Ausstellungsart: Wanderausstellung
Rechteinhaber: Dresdner Verkehrsbetriebe AG / Gruppe Bergbahnen
Anfragen zum Verleih dieser Ausstellung sind ausschließlich an den Rechteinhaber zu richten. Kontaktinformationen auf der offiziellen Internetseite der Gruppe Bergbahnen unter http://www.dvb.de/de/Freizeit-Tourismus/Bergbahnen/.
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Bild 1: Plakat zur Ausstellung. Bild 2: Ausstellungsort ist die Bergstation der Bergschwebebahn Dresden. Bild 3: Eröffnung der Ausstellung durch die Herren Crede und Dr. Hötzel. Bild 4 und 5: Originalgondel der Burgbergseilbahn Bad Harzburg. Bild 6: Eingang zur Ausstellung. Bild 7 - 9: Modell der Gondel der Montserratbahn. Bild 10: Funktionsmodell einer Lorenseilbahn. Bild 11 - 21: Tafeln dokumentieren das Wirken der Firma Bleichert und zeigen Porträts einzelner Bahnen. Bild 22, 23, 29 : Blick in die Vitrine. Bild 24: Rollenpaar des Laufwerks der Predigtstuhlbahn. Bild 25: Filmausschnitt. Bild 26, 27, 35, 36: originale Konstruktionszeichnungen. Bild 28: Seile. Bild 30: Büste A. Bleichert. Bild 31: Todesanzeige. Bild 32 - 34: Modell einer Stütze mit Förderwagen. Bild 37: Vitrine u.a. mit Anteilsscheinen der Firma. Bild 38: Dokumentation. Bild 39: Standorte der Bleichertbahnen auf der ganzen Welt. Bild 40: "Badende Frauen unter einer Seilbahn von "Bleichert Leipzig". Farblithographie von T. Stassen, 1906. Bild 41 und 42: originale Betriebsbremse der ehemaligen Seilbahn Schneefernerhaus - Zugspitzgipfel. Bild 43 und 44: Vitrine im Maschinenhaus. Bild 44 und 45: Modelle aus dem aktuellen Produktionsprofil von TAKRAF Leipzig. Bild 47 und 48: Prospekte und Werbeschriften im Wandel der Zeit. Bild 49: Blick auf die 1895 eröffnete Standseilbahn. Bild 50: Elbbrücke "Blaues Wunder" mit den Dresdner Stadtteilen Blasewitz und Johannstadt.
Fotos: Bild 1 - 8, 14, 18 - 22, 25 - 28: Privatsammlung Dr. Manfred Hötzel, Leipzig. Bild 9 - 12: Privatsammlung Richard und Mädi Gabloner, Bozen. Bild 13: Buchverlag Langen Müller Herbig nymphenberger, München. Bild 15 - 16: Ottmar F. Steidl Verlag, Eugendorf bei Salzburg. Bild 23 - 24, 39 - 45, A2 - A50: Privatsammlung Dr. Eddie Schurr, Dresden. Bild 29 - 30: Tiroler Kunstverlag Rum bei Innsbruck. Bild 31 - 32: Verlag C. Huber Diessen. Bild 33 - 34: Tegernseer Tal Verlag Rottach - Egern. Bild 35 - 38: Predigtstuhlbahn Bad Reichenhall. Bild A1: DVB AG.

Badende Frauen unter einer Seilbahn von "Bleichert Leipzig". Farblithographie von T. Stassen, 1906. Sächsisches Wirtschaftsarchiv Leipzig